Dokumentation von Marco Metternich - Museologie I DesigntransferMarco Metternich vereint langjährige Erfahrung aus Institutionen wie dem Rat für Formgebung, dem IDZ, der GfDG und Hessen Design mit einer profunden geisteswissenschaftlichen Basis. Als Medienwissenschaftler, Ethnologe und Soziologe (Magister Marburg/Berlin) ergänzt durch die Museologie (Oldenburg) – zertifiziert nach den Standards des Deutschen Museumsbundes – bewegt er sich an der Schnittstelle von angewandter Museologie und Designtransfer.Seit drei Jahren widmet er sich der Fragestellung, wie Design als interdisziplinäres, lernendes System fungieren kann. Dabei nutzt er museale Ansätze und Methoden, um Design als zentralen Bestandteil von Identifikationsprozessen zu verstehen, der innerhalb der komplexen, allgegenwärtigen Transformationsprozesse unserer Zeit stattfindet.Design als lernendes System Am 05. Februar fand im Designhaus Darmstadt der Agora Roundtable als begleitendes Diskursformat zur Ausstellung „From Nature to Nature“ statt. Die von Prof. Dr. Sascha Peters (Haute Innovation, Berlin) und Christine Fehrenbach (Hessen Design e.V.) organisierte Runde zum Thema „Neue Ressourcen für Biomaterialien“ war mit acht Expert:innen interdisziplinär hochkarätig besetzt und zeigte, warum der europäische Wirtschaftsraum aktuell im Zentrum der globalen Aufmerksamkeit für die zirkuläre Transformation steht.Aber von vorn. Die Haltung von Hessen Design versteht Design als interdisziplinäres, lernendes System, das im Agora Roundtable exemplarisch Anwendung findet. Hier wird die Kernphilosophie des Vereins sichtbar: zuhören, hinterfragen, ausprobieren und kontinuierlich lernen was Gestaltung ausmacht und wie sie zugleich gerecht, wirksam und zukunftsfähig sein kann. Durch intensiven Austausch, vielfältige Veranstaltungsformate und eine enge Mitgliederpflege sind über die Jahre Thesen entstanden, die sich in der aktuellen Marktsituation als besonders relevant erweisen.Der Agora Roundtable in Darmstadt ist Teil dieses kontinuierlichen Prozesses und kein Einzelereignis, sondern die konsequente Fortführung einer langjährigen, regional verankerten Netzwerkarbeit mit laufender Wissensproduktion.Die Ausstellung „From Nature to Nature“ Den Einstieg in den Abend bildete eine detaillierte Führung durch die (digitale) Version der Ausstellung „From Nature to Nature“. Prof. Dr. Sascha Peters, Gründer und Leiter der Innovationsagentur Haute Innovation, eröffnete ein Spektrum, das von seinem Kuratierungskonzept zu Biomaterialien über das von Haute Innovation in Zusammenarbeit mt dem Frauenhofer-Institut entwickelte Kernelement der Ausstellung, das Lautsprecher 3D-Druckverfahren “Mycoustics”, bis hin zur Konzeptarbeit „Bio Battery“ von Gustav Nyström (Empa, CH) reichte.Politische Rahmenbedingungen Pia Himmelsbach vom Möbelhersteller VEPA hob anschliessend die Rolle der Finanzindustrie hervor, die mit ESG-Kriterien erheblichen politischen und wirtschaftlichen Druck aufgebaut hat und damit einen Innovationsmotor mit spürbarem Impact geschaffen hat. „Niemand hat auf einen weiteren Möbelhersteller gewartet“, so Himmelsbach, doch der durch diesen ökonomischen und ökologischen Wandel entstandene Schwerpunkt auf Ressourcenmanagement und Rücknahmesysteme hat VEPA zu einem Player gemacht, der durch zirkuläre Modelle einen klaren USP entwickelt. Vor diesem Hintergrund wurden auch die politischen Zielsetzungen der Niederlande diskutiert, bis zum Jahr 2030 weitgehend auf fossile Ressourcen zu verzichten und bis 2050 eine vollständig kreislauffähige Wirtschaft zu etablieren. Das unterstrich eine zentrale Erkenntnis: Fortschritt entsteht dort vor allem durch systemische Kooperation statt durch isolierte Einzelbemühungen.Regionale Innovationskraft: revoltech und Döhler Im weiteren Verlauf der Runde wurde mehr und mehr der Standortvorteil Hessens deutlich: Auf dieser Agora gelang Hessen Design eine profunde Bestandsaufnahme der regionalen Innovationskraft. In Darmstadt konzentrieren sich Unternehmen, die für die internationale Materialwende von strategischer Bedeutung sind. Zum einen das Start-up Unternehmen revoltech, das mit LOVR ein Hanffaserflächentextil präsentierte, das methodisch an die traditionelle Papierherstellung anknüpft. revoltech befindet sich aktuell in einer entscheidenden Entwicklungsphase und bekannte sich klar zum Standort Darmstadt, um nun – jenseits des anfänglichen Innovationshypes – in eine Phase der Industrialisierung einzutreten und die Skalierbarkeit der Produktion etwa für die Automobilindustrie von hier aus zu realisieren.Eine weitere wichtige Rolle spielte die Döhler GmbH. Als weltweit agierendes Familienunternehmen mit über 10.000 Mitarbeitenden fungierte Döhler mit Dr. Julian Aschoffals fachlicher Anker der Runde. Er brachte einen kontinuierlichen „Reality Check“ in die Runde ein, der die Diskussion immer wieder an industrielle Maßstäbe rückband. Ein wesentlicher Punkt war seine Beobachtung, die die Lebensmitteltechnologie mit der Medizin vergleicht und Design als integrierten, wissenschaftlich fundierten Prozess versteht. Die strukturelle Ähnlichkeit grundlegender Studienansätze in Naturwissenschaft und Gestaltung verdeutlicht hier das Potenzial für eine noch engere Verzahnung dieser Felder.Wo stehen wir? Die Perspektiven des Agora Roundtable In der Diskussion um die Frage „Wo stehen wir nun?“ wurden unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt: Designer Jonathan Radetz betonte die Erweiterung der Wertschöpfungsketten durch Design in der Selektion neue Materialien und materialbasierte Services. Designerin Sarmite Polakova ergänzte, wie sie die natürliche Sensitivität von Rohstoffen mit produktspezifischer Funktionalität verbindet. Nämlich samtweich und präzise. Bernd Görtz benannte daraufhin die Grundlage des Designverständnisses als lernendes System und griffdamit den eingangs erwähnten Ansatz von Prof. Dr. Sascha Peters auf: Es geht darum, Prozesse radikal offenzulegen und miteinander zu teilen. Nicht auf geschäftlicher Ebene – das dürfe niemand erwarten –, sondern um grundlegende Evidenz sichtbar zu machen, die in eine offene, geteilte Community mündet. Darauf zielte auch die Forderung von Annette Lang (VDID), die sich eine Forschungsmatrix als Open-Source-Quelle wünscht. Diese sollte den aktuellen Entwicklungsstand bei Biomaterialien transparent machen, damit nicht überall gleichzeitig mit hohem Aufwand dasselbe neu entdeckt werden muss. Aus dem Publikum kamen Impulse zur Bedeutung dieser Communities und Netzwerke, die die Transformation mittragen. Zugleich wurde Design als Praxis beschrieben, die systemische Probleme sichtbar macht, statt sie zu kaschieren (Kai Rosenstein/ WDC). Inmitten dieser Perspektiven gelingt es Hessen Design, den Diskurs souverän zu moderieren und zu führen. Hier treffen Akteur:innen zusammen, die Design als Instrument der Wirtschaftsförderung verstehen.Hessen Design als Kurator von Wissensprozessen Die Veranstaltung macht einmal mehr deutlich, dass der Verein als treibende Kraft agiert, die Design als wirksames Instrument der Wirtschaftsförderung einsetzt. Über die Rolle des Gastgebers hinaus schafft er Plattformen, auf denen gesellschaftliche Bedürfnisse, technologische Innovationen und industrielle Anwendbarkeit zusammenfinden. Aus den gesammelten Erfahrungen und diversen Case Studies entstehen Thesen, die Organisationen in dynamischen Transformationsprozessen Orientierung bieten. Durch die Moderation des Dialogs zwischen Design, Forschung, Start-up-Kultur und etablierter Weltmarktexpertise leistet Hessen Design einen wesentlichen Beitrag zur Standortsicherung. Es geht nicht mehr allein um die Präsentation von Objekten, sondern um die Kuratierung von Wissensprozessen, die den hier beschriebenen Übergang in eine biobasierte Wirtschaft überhaupt erst operabel und damit möglich macht.